Forschungsgruppe

„Internetvermittelte kooperative Normsetzung“:

Verbindliche Normen sind zentrale Instrumente in jeder sozialen Gruppe, Organisation und Gesellschaft, um Probleme des menschlichen Zusammenlebens zu lösen und gemein­same Ziele zu ver­wirklichen. Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass in ganz unterschiedlichen Bereichen die direkte Teilhabe der Betroffenen an kollek­tiven Ent­scheidun­gen über verbindliche Normen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Forderung nach möglichst uneingeschränkter Partizipation bei kollektiven Entschei­dun­gen über verbind­liche Normen kann als Forderung nach kooperativer Normsetzung zusam­mengefasst wer­den. Mit „kooperativer Normsetzung“ soll ein Prozess der Entwicklung, For­mulierung und Auswahl einer für eine Gruppe verbindlichen Norm bezeichnet werden, bei dem im Prinzip alle Gruppen­mitglieder an der vorausgehenden Willensbil­dung, der Norm­findung und abschließenden Entscheidung sowie an der Gestaltung des Verfah­rens mitwirken können. Es muss kritisch geprüft werden, in welchen Bereichen und Kontexten eine Verwirklichung kooperativer Normsetzung tatsächlich wünschenswert ist und inwieweit die mit ihr verbundenen Hoffnungen berechtigt sind.

Bislang ist es schon aus technischen, logistischen und organi­sato­rischen Gründen nur punktuell möglich, eine große Anzahl von Personen an den Prozessen von Norm­findung und Norm­setzung direkt zu beteiligen. Dies könnte sich durch die Verbreitung des Internets und die damit verbundene Aufhebung räumlicher und zeitlicher Grenzen bei der Kommunikation zwischen nahezu beliebig großen Gruppen von Menschen grundlegend ändern. Mit internetvermittelter kooperativer Normsetzung bezeichnen wir die Verwirklichung kooperativer Normsetzung unter Verwendung der Potentiale des Internets für Information, Interaktion und Organisation. Eine internetvermittelte kooperative Normsetzung eröffnet exemplarische Chancen, birgt aber auch erhebliche Risiken. Die Fragen, in welchem Verhältnis solche Chancen und Risiken stehen, ob, wie und mit welchen Voraussetzungen und Folgen eine internetvermittelte kooperative Normsetzung realisierbar ist, welche Erfolgskriterien bei welchem konkreten Einsatzbereich rele­vant sind und welcher Trade-Off sich zwischen Erfolgskriterien ergibt, haben herausragende Bedeu­tung für jeden Bereich, in dem Normen verbind­lich festgelegt werden.

Der Fokus des Forschungsvorhabens richtet sich auf das Spannungsverhältnis zwischen den allgemeinen gesell­schaftlichen und technologischen Perspektiven und Problemen internet­vermittelter kooperativer Normsetzung einerseits und den spezifischen Anforderungen andererseits, die sich aus ihrer Anpassung an unterschiedliche soziale, organisatorische und rechtliche Kontexte ergeben. Die zentrale Fragestellung der Forschergruppe lautet daher: „Unter wel­chen Bedin­gun­gen und mit welchen Folgen kann internetvermittelte kooperative Norm­setzung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen reali­siert werden?“

Diese Fragestellung soll durch die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Forschungsverbund beantwortet werden. Die Forschergruppe wird auf der Grundlage systematischer Theoriebildung sowie empirisch-analytischer Forschung funktionsfähige Systeme für internetvermittelte Normsetzung entwickeln und mittels kontrollierter Praxiseinsätze in unterschiedlichen Bereichen erproben. Die Ergebnisse dieser Einsätze werden sowohl empirisch als auch theoretisch ausgewertet und dienen als Grundlage für die weitere Theoriebildung und Systementwicklung. Aus diesem iterativen Prozess wird schrittweise ein Baukasten mit kontextspezifisch adaptierbaren Modulbausteinen für internetvermittelte kooperative Normsetzung entstehen

Eine Übersicht aller Teilprojekte finden Sie unter Teilprojekte.