Meinungsbildung in mediatisierter Gruppenkommunikation (Gruppenkommunikation)

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Christiane Eilders und Prof. Dr. Gerhard Vowe

Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Ausgangspunkt ist die grundlegende Annahme, dass es für das Ergebnis internetvermittelter kooperativer Normsetzung von entscheidender Bedeutung ist, wie die Meinungsbildung in der jeweiligen Gruppe verläuft, wie also der Throughput strukturiert ist, der zwischen Input und Output vermittelt. Das Teilprojekt soll untersuchen, wie in mediatisierter (hier: internetvermittelter) Gruppenkommunikation aus individuellen Positionen eine kollektive Meinung entsteht.

Das Teilprojekt ist auf der Mesoebene angesiedelt; Gruppen bilden eine zentrale Verbindung zwischen gesellschaftlichen Makrostrukturen und individuellen Vorstellungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Mit der Frage nach der Meinungsbildung in Gruppen gerät Deliberation in den Blick. Unter Deliberation wird hier ein Entscheidungsprozess verstanden, der auf einer öffentlich sichtbaren Erörterung beruht, die bestimmten diskursiven Normen genügt. Diese umfassen in sachlicher Perspektive die Begründung aller Aussagen, in sozialer Perspektive die gegenseitige Anerkennung der Teilnehmer als gleichberechtigt, und in zeitlicher Perspektive die Offenheit des Kommunikationsprozesses (Habermas 2008, Peters 2001, Wessler 2008).

Internetvermittelte Gruppenkommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass der Deliberation neue Möglichkeiten eröffnet werden, insbesondere für die Einbeziehung und Artikulation von Teilnehmern und für ihre wechselseitige Beobachtung. Von einer mediatisierten Gruppenkommunikation kann in dem Maße gesprochen werden, in dem die Bedingungen der Online-Kommunikation die Auseinandersetzung in der Gruppe prägen. Online-Debatten sind zumeist mit hohen Erwartungen an den deliberativen Charakter und – als Folge davon – an die Qualität von Entscheidungen verbunden.

Die Untersuchung hat zum Ziel, empirisch zu prüfen, inwieweit diese Erwartungen gerechtfertigt sind, und zwar im Hinblick auf die spezifischen Bedingungen für Deliberation in unterschiedlichen organisatorischen Kontexten und auf die Folgen von Deliberation für das jeweilige Ergebnis der kollektiven Meinungsbildung. Damit kann ein empirisch basierter Beitrag zu einer kontextsensitiven Theorie der mediatisierten Gruppenkommunikation erbracht werden, aus dem sich deliberationsorientierte Module entwickeln lassen, die eine Gestaltung internetvermittelter kooperativer Normsetzung in spezifischen Anwendungskontexten unterstützen.

Somit sollen in dem Teilprojekt die zwei folgenden Fragestellungen bearbeitet werden:

  • Was sind die Bedingungen für Deliberation in unterschiedlichen organisatorischen Kontexten?
  • Welche Folgen hat die Deliberation für das jeweilige Ergebnis der kollektiven Meinungsbildung?

Forschungsansatz und geplantes Vorgehen

Das Teilprojekt basiert auf einem Untersuchungsmodell mit zwei Untersuchungsschritten. Im ersten Schritt bildet der Grad an Deliberativität von Debatten die abhängige Variable, die beeinflusst wird von Variablen, die mehrere Aspekte der Kommunikationsstruktur operationalisieren: Grad der Verbindlichkeit deliberativer Meta-Normen für die jeweilige Debatte (explizite Meta-Normen mit und ohne Sanktionen, keine explizit vorgegebenen Meta-Normen), die Kommunikationsform der Debatte (Online-, Offline-, gemischte Debatte) sowie Gruppengröße und –zusammensetzung.

Im zweiten Schritt bildet der resultierende Grad an Deliberativität die unabhängige Variable, deren Einfluss auf das Ergebnis der kollektiven Meinungsbildung untersucht wird, und zwar auf die Meinungsverteilung in der Gruppe (Konsens, Polarisierung, Fragmentierung), auf die Qualität der Normsetzung (Innovativität, Durchsetzbarkeit, Akzeptanz im Urteil von Teilnehmern und Experten) und auf die Effizienz des Normsetzungsprozesses (z.B. Zeitbedarf).

In einer Reihe von Feldexperimenten in den Einsatzbereichen Universität, Parlamente und Unternehmen sollen diese Zusammenhänge untersucht werden – in enger Abstimmung vor allem mit dem Teilprojekt Prozess, das seinen Schwerpunkt auf die Mikroebene individueller Veränderungen legt. Dazu werden unter Konstanthaltung des Debattenthemas die genannten Variablen der Kommunikationsstruktur systematisch variiert, der Grad an Deliberativität durch Inhaltsanalysen und Beobachtung ermittelt und die daraus resultierenden Folgen für das Ergebnis vergleichend erfasst. Dem Problem der externen Validität von Experimenten begegnet das Teilprojekt, indem die in Experimenten gewonnenen Erkenntnisse mit den Befunden der bereichsspezifischen Teilprojekte abgeglichen werden. In Bezug auf weitere soziale, organisatorische und technische Faktoren, die das Ergebnis kooperativer Normsetzung beeinflussen, wird das Teilprojekt eng mit den Teilprojekten Design und Technik kooperieren.

Mit dem Fokus auf Deliberation befasst sich das Teilprojekt vor allem mit den Forschungsproblemen Kooperation und Aggregation. Für einen Baukasten der internetvermittelten kooperativen Normsetzung stellt das Teilprojekt Module in Form von Regeln und Tools für eine deliberative Kooperation in der Gruppe zur Verfügung. Außerdem werden Verfahren entwickelt, wie individuelle Diskussionsbeiträge zu einer kollektiven Meinung aggregiert werden.