Internetvermittelte kooperative Normsetzung als kontextgebundener sozialer Prozess  (Prozess)

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Ulrich Rosar (unter Mitarbeit von Tobias Escher, M.A.)

Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Dieses Teilprojekt untersucht aus mikrosoziologischer Perspektive und mit den Instrumenten der empirischen Sozialforschung internetvermittelte kooperative Normsetzungsverfahren als kontextuell eingebettete soziale Prozesse. Dabei steht die Frage im Zentrum, welche Faktoren und welche Faktorenkombination für den Erfolg der Verfahren verantwortlich sind. Mit dieser Fragestellung konzentriert sich das Teilprojekt vor allem auf die Forschungsprobleme Partizipation und Folgenabschätzung, die aus der Perspektive der Empirischen Analyse mit Hilfe eines Mehrmethodenansatzes bearbeitet werden.

Dabei werden zwei eng miteinander verzahnte Strategien verfolgt. Erstens leistet das Teilprojekt die empirische Begleitung der drei geplanten Praxiseinsätze und bezieht daraus relevante Erkenntnisse. Zweitens verfolgt das Teilprojekt weitere relevante Fragestellungen, die sich sowohl aus den Anwendungskontexten ergeben als auch darüber hinaus gehende grundlegende Probleme der Theoriebildung internetvermittelter kooperativer Normsetzung darstellen. Erfolg wird dabei als multidimensionales Konzept verstanden und unterschieden in subjektiven Erfolg (z.B. durch eine größere individuelle Zufriedenheit der Beteiligten), normativen Erfolg (z.B. durch größere Beteiligung oder Repräsentativität der Beteiligten) und – soweit konzeptionierbar – objektiven Erfolg (z.B. durch Verbesserung der Qualität einer Norm). Dabei können einzelne Erfolgsdimensionen durchaus im Widerspruch zueinander stehen. Erfolg muss daher kontextabhängig für jedes internetvermittelte kooperative Normsetzungsverfahren als Trade-Off zwischen den einzelnen Dimensionen definiert werden. Die Vielzahl von potentiell relevanten Faktoren wie Akteurskonstellationen, kontextuellen Faktoren, prozeduralen Merkmalen und technischer Umsetzung eines internetvermittelten kooperativen Normsetzungsverfahrens wird unter zwei forschungsleitenden Fragestellungen untersucht:

  • Welche (Kombinationen von) externen Faktoren sorgen dafür, dass ein Verfahren erfolgreich ist? Dabei geht es in erster Linie darum, ob bestimmte Faktoren(kombinationen) zur Beteiligung befähigen bzw. motivieren und ob sich dadurch die Akzeptanz verbessert. So wird beispielsweise zu klären sein, ob Partizipationsbarrieren durch Änderungen der Anreizstrukturen gesenkt und so höhere Partizipationsraten erzielt werden können – und ob sich dadurch auch die allgemeine Normakzeptanz steigert.
  • Welche (Kombinationen von) internen Faktoren sorgen dafür, dass ein Normsetzungsverfahren im engeren Sinne erfolgreich ist? Dabei geht es in erster Linie um das Verfahren selbst. U.a. wird zu untersuchen sein, ob proaktive Systeme die Intensität und die Art der Kommunikation zielorientiert positiv beeinflussen können.

Konkrete Faktoren sind dabei als Ausprägung eines Kontinuums zwischen rein interner und rein externer Relevanz zu verstehen, d.h. dass sie situationsgebunden sowohl intern auf das Verfahren, als auch extern auf den Zugang zu ihm und seinen Konsequenzen wirken können.

Forschungsansatz und geplantes Vorgehen

Um die genannten Forschungslücken zumindest ein Stück weit schließen zu können, wird ein Mehrmethodenansatz verfolgt. Erkenntnisse werden dabei gleichermaßen aus der empirischen Begleitung der Praxisanwendungen gewonnen als auch aus weiteren Forschungen im Rahmen des Teilprojektes. Die Evaluation der Praxisanwendungen konzentriert sich dabei zunächst auf die Messung der oben skizzierten Erfolgskriterien und die Bestimmung dafür potentiell relevanter Erfolgsfaktoren. Dafür werden in erster Linie Befragungen der verschiedenen am internetvermittelten kooperativen Normsetzungsverfahren beteiligten Akteure zum Einsatz kommen, ergänzt durch die Analyse der aufgezeichneten Nutzer(inter)aktionen. Dafür besteht eine enge Zusammenarbeit mit den TP Politik und Universitäten/Unternehmen. Weiterhin ist davon auszugehen, dass sich im Rahmen der Entwicklung des institutionellen und technischen Systems sowie dessen Adaption an konkreten Anwendungskontexte – d.h. insbesondere der Arbeiten der Teilprojekte Design und Technik – eine Reihe von Fragen ergeben werden, z.B. nach der Bedienbarkeit oder der Ausgestaltung der Regeln für die Beteiligung, die bereits vor beziehungsweise parallel zum Praxiseinsatz in gezielten Studien untersucht werden müssen.

Diese Fragestellungen werden in den zweiten Forschungsstrang des Teilprojektes mit einbezogen, in denen auf der Grundlage des Forschungsstandes theoretisch-deduktiv zentrale Merkmale identifiziert werden, die für sich genommen oder im Zusammenwirken für die verschiedenen Erfolgsdimensionen internetvermittelter kooperativer Normsetzungsverfahren bedeutsam sein sollten. Dabei sind zum einen Online-Experimente geplant, die potentiell relevante Merkmale in theoretisch sinnvollen Kombinationen testen und damit Aufschluss darüber geben, welche internen Faktoren und Faktorkombinationen den Erfolg von internetvermittelten kooperativen Normsetzungsverfahren beeinflussen. Um externe Merkmale für den Erfolg internetvermittelter kooperativer Normsetzung zu identifizieren, wird begleitende Forschung im Rahmen aktueller Anwendungen zweier externer Dienstleister (Liquid Democracy e.V., Zebralog GmbH & Co KG) durchgeführt. Um genaueres über Motive und Barrieren bei abstinenten Milieus zu erfahren, sind darüber hinaus Fokusgruppenanalysen geplant, bei denen unter milieuspezifischen Aspekten typische Personen ausgewählt und mittels der Methode des lauten Denkens bei der Auseinandersetzung mit einem konkreten internetvermittelten kooperativen Normsetzungsprojekt beobachtet werden. Gleichzeitig sollen aus einem Online-Panel Personen zu einem internetvermittelten kooperativen Normsetzungsverfahren auf Basis der externen Dienstleister (s.o.) eingeladen werden und im Rahmen einer begleitenden Panel-Befragung analysiert werden, wer sich mit welchen Motiven wie beteiligt bzw. nicht beteiligt. Mit dem TP Gruppenkommunikation werden gemeinschaftlich Online-Experimente durchgeführt und unter jeweils teilprojektspezifischen Aspekten ausgewertet.