Soziale Infrastruktur der internetvermittelten kooperativen Normsetzung (Design)

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Michael Baurmann, Dr. Ulf Tranow

Erkenntnisinteresse und Fragestellung

In diesem Teilprojekt wird internetvermittelte kooperative Normsetzung als soziale Insti­tu­tion und Organisation untersucht. Kooperative Normsetzung ist ein gemeinschaft­licher und selbstorganisier­ter Pro­zess, in dem ein Kollektivgut mit einem spezifischen Profil und einer besonderen Bedeutung bereit­gestellt wird. Zwei Anforderungen sind zentral: Erstens müssen die individu­ellen Beiträge koor­diniert und zu einem Gesamtergebnis aggregiert werden. Dabei ist eine komplexe Folgen­ab­schätzung und -bewer­tung vorzunehmen, interne und exter­ne Kon­sistenz­bedingungen der Nor­men sowie ihre nach­haltige Wirksamkeit sind zu gewähr­­leisten. Zweitens müssen motivie­rende Anreize vorhan­den sein, sich an einem möglicherweise lang­wierigen und anspruchsvollen Verfahren mit erheblichen Informa­tions- und Entschei­dungs­­kosten aktiv zu beteili­gen. Neben effizi­enter Koordi­nation und Aggre­gation sowie hinreichender Partizipation gibt es weitere Erfolgskriterien wie Ergeb­nis­qualität, Akzeptanz, Inklusivi­tät, Reprä­senta­ti­vi­tät, Reichweite oder Responsivi­tät. Welche Erfolgs­kriterien im Einzelnen relevant sind, wie sie untereinander gewichtet werden und welche Trade-Offs zu erwarten sind, variiert mit dem jeweiligen Kontext und den konkreten Zielvor­gaben für eine koope­rative Normsetzung.

Aus diesen Anforderungen ergeben sich das Erkenntnisinteresse und die leitende Fragestellung des Teilprojekts. Das Ziel ist die Entwicklung von Designprinzipien für eine adaptionsfähige soziale Infra­struktur, die unterschiedliche Optionen für eine Anpassung internetvermittelter kooperativer Norm­setzung an spezifische Einsatzbereiche und die dort gültigen Erfolgskriterien zur Verfügung stellt. Die soziale Infrastruktur bettet das Verfahren in den sozialen Kontext ein, organisiert die Partizipation, Koope­ration und Interaktion der Nutzer und institutio­nalisiert Arenen für Delibe­ration, Meinungs­bildung und Entscheidungsfindung. Grundlage für die Entwicklung der Designprinzipien sind theorie- und empirie­gestützte Hypo­thesen über die institutio­nellen und organi­satorischen Erfolgsfaktoren internet­ver­mittelter kooperativer Normsetzung in unterschiedlichen Umgebungen. Die Leitfrage lautet demnach:

  • Welche soziale Infrastruktur sollen die Module für internetvermittelte kooperative Norm­setzung zur Verfügung stellen, um ihre erfolgreiche Umsetzung in unterschiedlichen Kon­texten zu ermöglichen?

Forschungsansatz und geplantes Vorgehen

Das Teilprojekt ist in drei Forschungsbereiche strukturiert. Im ersten Bereich geht es um die theo­rie- und empirie­gestützte Generierung von Hypo­the­sen über die institutionellen und organisatorischen Erfolgs­­faktoren internetver­mittel­­ter koope­rativer Norm­set­zung. Dafür werden zum einen die umfang­­reichen Studien über „realweltliche“ Pro­jekte zur Selbst­verwaltung gemein­schaftlicher Res­sour­­cen herangezogen. Diese Projekte weisen sig­ni­fi­kante Über­schneidungen mit kooperativer Norm­set­zung auf, da die Selbst­verwaltung von Res­sour­cen auf einer gemein­samen Erarbeitung und Imple­men­tation verbind­licher Normen und Regeln beruht. Eine Reihe von Erfolgs­faktoren für solche Projekte wurde identifiziert, wie z.B. klare Grup­pen­­gren­zen, umfassende Partizipation, institutio­nalisierte Entscheidungsarenen oder Transparenz und soziale Kon­troll­mechanismen (Ostrom 1990; Ostrom 2009; Poteete et al. 2010). Die Über­trag­barkeit der Ergebnisse auf internet­vermittelte Entscheidungs­prozesse ist im Ein­zelnen zu prüfen. Neben der „Commons“-Forschung wer­den zum anderen die vorliegenden empirischen Fall­unter­suchun­gen und Eva­lu­a­tionsstudien zu Pro­jek­­ten inter­net­­ver­mittelter Partizipation und Bürgerbe­teili­gung für eine Erfolgs­­faktorenanalyse aus­ge­wer­­tet. In Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt Prozess können die aus dieser Analyse gewonnenen Annahmen und Hypothesen einer eigenständigen empirischen Über­prüfung unterzogen werden. Erste um­setz­bare Ergebnisse für den Praxis­einsatz in einer Universität wer­den nach drei Monaten anvisiert. Weiterentwicklungen als Grundlage für den Einsatz internetver­mittel­ter koopera­tiver Normsetzung in Parlamenten und Unternehmen sollen nach 15 bzw. 27 Mona­ten vor­liegen.

Im zweiten Forschungsbereich werden die hypostasierten institutionellen und organi­satorischen Erfolgsfaktoren in Designprinzipien für eine modularisierte soziale Infrastruktur umgesetzt, die eine erfolg­reiche Durch­führung inter­net­vermittelter kooperativer Normsetzung in ausgewählten Kontex­ten ermöglicht. Die soziale Infrastruktur legt Zugangs­­optio­nen fest und schafft Beteiligungsanreize, sie institutio­nalisiert bestimmte Formen der internen Koope­­ration und sozialen Interaktion, sie kann Reputations- und Kontroll­mecha­nismen etablieren, Deliberationsforen für argu­­­­men­tativen Austausch und Meinungsbildung einrich­ten oder durch Organisations­struk­turen eine dyna­mische Anpassung an unterschiedliche Kontexte unterstützen. In die Entwicklung der sozialen Designprinzipien werden einschlägige Erkenntnisse aus den Teilprojekten Prozess, Universi­täten/Unternehmen, Parlamente, Gruppen­komm­uni­kation, Komplexitätsre­duktion und Präfe­renz­aggre­ga­tion sowie aus den sequen­tiel­len Praxis­einsätzen einfließen. Daraus werden sich weiter differen­zierte Anfor­derungen an das soziale Design der Module und ihre wünschens­werten Funktio­na­litäten ergeben. Ziel in diesem Bereich ist in enger Zusam­men­arbeit mit dem Teilpro­jekt Technik die Ent­wicklung funk­tionsfähiger sozia­ler und tech­nischer Systeme, deren modularisierte Kon­struktion eine variable Anpassung an unterschiedliche Kontexte ermöglicht. Module mit einer sozialen Infrastruktur für den Ein­satz in einer Universität sollen nach sechs Monaten zur Verfügung stehen, erweiterte und differen­zierte Module für die Durchführung internetvermittelter koopera­tiver Norm­setzun­gen in Parlamenten und Unter­nehmen nach 18 bzw. 30 Monaten.

Im dritten Forschungsbereich erfolgt die Integration der Problemstellungen und Ergebnisse in die allge­meine The­orie kollektiven Handelns und sozialer Kooperation und die Weiterentwicklung und Konkretisierung dieser Theorie für den Kontext internetvermittelter kooperativer Normsetzung. Insbeson­dere werden die avan­cierten Erklärungsansätze für gemeinsames Handeln und eine frei­willige Beteiligung bei der Bereit­stel­lung öffentlicher Güter daraufhin untersucht, welche Konsequen­zen sich aus diesen Erklärungen für die Reali­sierungsbedin­gungen kooperativer Normsetzung und die Partizi­pations­forschung im Kon­text internetvermittelter Beteiligung ergeben. Die Arbeit in diesem Bereich ist wäh­rend der drei Jahre des Projekts als kontinuierlich begleitender Forschungsprozess geplant. Seine Ergeb­­nisse gehen in die Erfolgsfaktorenanalyse, die Entwicklung sozialer Designprin­zipien und in die verbundübergreifende Theoriebildung ein.