Technische Infrastruktur der internetvermittelten kooperativen Normsetzung (Technik)

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Martin Mauve, Dr. Kálmán Graffi

Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Dieses Teilprojekt verfolgt die Frage nach den zentralen technischen Grundlagen internetvermittelter kooperativer Normsetzung. Ausgehend von bestehenden, Web-basierten Client/Server Systemen mit fester Abstimmungs- und Kommentarfunktionalität ergeben sich folgende leitende Fragestellungen:

  • Welche technischen Funktionen sollte der Baukasten für internetvermittelte kooperative Normsetzung zur Verfügung stellen und wie sollten diese Funktionen realisiert werden?
  • Wie lässt sich die Architektur der technischen Infrastruktur so gestalten, dass sie den robusten und zuverlässigen Einsatz von internetvermittelter kooperativer Normsetzung sicherstellen kann?

Forschungsansatz und geplantes Vorgehen

Um die Arbeiten in diesem Teilprojekt auf die skizzierten Forschungslücken konzentrieren zu können, wird als Ausgangspunkt mit adhocracy ein bestehendes und etabliertes Open-Source-System verwendet. Dies ermöglicht einerseits die Übernahme von Basisfunktionalität wie beispielsweise Benutzeridentifikation und –verwaltung, sowie elementare Kommentar- und Diskussionsfunktionen. Andererseits stehen dadurch alle Neuentwicklungen der Forschergruppe direkt einem großen Benutzerkreis zur Verfügung. In diesem Kontext ist eine Zusammenarbeit mit dem Liquid Democracy e.V. (den Entwicklern von adhocracy) vereinbart[1], welche bereits im Pilotprojekt für beide Seiten sehr hilfreich war.

Für die Identifikation, Entwicklung und Bewertung von Modulen zur effizienten Zusammenarbeit von Teilnehmern mit heterogenen Interessen bietet die Forschergruppe insgesamt ein ganz besonderes Umfeld. Dazu gehört vor allem der sequenzielle Praxiseinsatz in drei sehr unterschiedlichen Bereichen, die umfangreiche empirische Analyse dieser Einsätze und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Teilprojekten. Das Teilprojekt Technik wird dies gezielt nutzen, um experimentell und konstruktiv die Frage nach der notwendigen technischen Basisfunktionalität für die Zusammenarbeit von Teilnehmern bei internetvermittelter kooperativer Normsetzung zu beantworten. Als ein konkretes Beispiel für diese Funktionalität seien Mechanismen zur Organisation beziehungsweise Selbstorganisation der Teilnehmer genannt, da diese im Pilotprojekt als besonders kritisch identifiziert wurden. In enger Kooperation mit dem Teilprojekt Komplexitätsreduktion werden Organisationsmechanismen, die in klassischen Normsetzungsverfahren erfolgreich verwendet werden, untersucht und gemeinsam mit den Teilprojekten Design und Präferenzaggregation an internetvermittelte kooperative Normsetzung angepasst. Die hierfür notwendige Funktionalität wird sich voraussichtlich auf zwei zentrale Interaktionsformen stützen: die Übernahme von Aufgaben (z.B. Koordination, Verfassen von Normvorschlägen, Mediation) durch die Teilnehmer und die Zusammenarbeit von Teilnehmern in Teilgruppen. Weiter werden Mechanismen zur Interaktion von Teilgruppen benötigt, wie beispielsweise die Aufteilung von Aufgaben, die Übernahme von Ergebnissen oder eine Kompromissfindung zwischen zwei oder mehr Gruppen. Die Module werden in kontinuierlicher Absprache mit dem Teilprojekt Modellierung so entworfen, dass sie mit den dort entwickelten Mechanismen abgebildet und flexibel in ein, dem Einsatzgebiet angepasstes, funktionsfähiges Gesamtsystem überführt werden können. Die Wirkung der Module wird gemeinsam mit dem Teilprojekt Prozess evaluiert.

Für die Architektur des technischen Systems wird ein Ansatz verfolgt, der im ungestörten Fall alle Eigenschaften eines Client/Server Systems besitzt und einen gewöhnlichen Web-basierten Zugang bereitstellt. Im Hintergrund werden die Daten jedoch nicht nur auf einem einzelnen Server gespeichert, sondern in einem Peer-to-Peer-Netzwerk abgelegt, an dem sich alternative Server und potentiell auch Anwender durch die Installation zusätzlicher Software beteiligen. Ist für einzelne, oder möglicherweise alle Teilnehmer, der Server nicht mehr erreichbar, so wechseln diese dynamisch zur Peer-to-Peer-Anbindung. Wird sogar die Internetkonnektivität der Teilnehmer gestört, dann agieren diese als Knoten eines verzögerungstoleranten Netzwerkes. So kann die Verfügbarkeit des Systems selbst in extremen Situationen sichergestellt werden. Offensichtlich erhöht sich durch den Wechsel von Client/Server- über Peer-to-Peer- zu verzögerungstolerantem Netzwerk schrittweise der Aufwand, mit dem ein Teilnehmer auf die Daten zugreifen kann (Zugriff auf einen zentralen Server, verwenden eines Peer-to-Peer-Systems, „Treffen“ einer geeigneten Datenquelle). Allerdings muss dieser Aufwand aufgrund des flexiblen Überganges der Netzwerkanbindung nur dann betrieben werden, wenn er sich aus Sicht des Anwenders wirklich lohnt. Weitergehende Herausforderungen im Bereich der Architektur des technischen Systems sind die von Entwicklung geeigneter Strategien für die Speicherung von Informationen in den einzelnen Knoten, die benutzerfreundliche Auflösung möglicher Konsistenzprobleme, die Bereitstellung von Mechanismen zur Sicherheit und Manipulationsresistenz sowie die flexible Anpassung der Architektur an die verschiedenen Einsatzbereiche.

Das Teilprojekt wird neben den beiden leitenden wissenschaftlichen Fragestellungen zusätzlich Dienstleistungen für die gesamte Forschergruppe erbringen. Dazu gehören insbesondere die technische Umsetzung weiterer Module, wie beispielsweise zur Meinungsbildung (in Kooperation mit dem Teilprojekt Gruppenkommunikation), sowie der Betrieb des technischen Systems für alle Einsatzbereiche.


[1] Sowohl adhocracy als auch die in diesem Teilprojekt entwickelte Software verwenden Open Source Lizenzen. Daher entstehen durch diese Kooperation keine zusätzlichen Risiken oder Abhängigkeiten. Darüber hinaus werden wir sicherstellen, dass die von uns umgesetzten Konzepte auch in alternativen Umgebungen (z.B. LiquidFeedback) einsetzbar sind.