Teilprojekt: Internetvermittelte kooperative Normsetzung in Universitäten und Unternehmen (Universitäten/Unternehmen)

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Stefan Süß

Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Das Verstehen und (organisationstheoretisch fundierte) Erklären internetvermittelter kooperativer Normsetzung[1] in Universitäten im Vergleich zu Unternehmen ist das Ziel dieses Teilprojekts. Dabei ergeben sich folgende Fragestellungen:

  • Welche Faktoren beeinflussen die Adaption internetvermittelter kooperativer Normsetzung in Universitäten im Vergleich zu Unternehmen vor dem Hintergrund divergierender Interessen der beteiligten Akteure?
  • Wie verlaufen Kooperation und Aggregation während internetvermittelter kooperativer Normsetzung in Universitäten bzw. Unternehmen und welchen Einfluss haben soziale, institutionelle und mikropolitische Rahmenbedingungen?
  • Welche Folgen hat internetvermittelte kooperative Normsetzung in Universitäten sowie Unternehmen für die beteiligten Akteure? Unter welchen Bedingungen ist sie jeweils effektiv?

Da es sich bei Universitäten und Unternehmen um Organisationstypen handelt, die in der organisationstheoretischen Forschung traditionell erforscht werden (Cohen et al.  1972; Weick 1976; Mintzberg 1979), verspricht die vergleichende Analyse internetvermittelter kooperativer Normsetzung einerseits Anknüpfungsfähigkeit an die Organisationstheorie und andererseits differenzierte (kontrastierende) Erkenntnisse bezüglich der Normsetzung.


[1] Der hier verwendete Normbegriff entspricht im Wesentlichen dem betriebswirtschaftlichen Regelbegriff.

Forschungsansatz und geplantes Vorgehen

Internetvermittelte kooperative Normsetzung soll in diesem Teilprojekt vergleichend für Universitäten und Unternehmen erforscht werden. Da beide Organisationsformen unterschiedlichen institutionellen Logiken unterliegen (Friedland & Alford 1991), unterscheiden sie sich hinsichtlich der institutionalisierten Praktiken (Kitchener 2002), so dass dieser Vergleich differenzierte und weitreichende Erkenntnisse erwarten lässt. Universitäten sind von besonderem Interesse, da sie sich infolge gesetzlicher Veränderungen zunehmend unter dem Einfluss ökonomischer Logiken und damit zusammenhängend auf dem Weg zur sog. unternehmerischen Universität befinden (Meier 2012, Osterloh 2012). Im Zuge dessen ist die Tendenz zu beobachten, dass – gegenläufig zu anderen Prozessen in Gesellschaft oder Unternehmen – mit der zunehmenden Macht der Hochschulleitung an einigen Stellen traditionelle Prozesse kooperativer Normsetzung (z.B. im Senat) zurückgenommen werden (Berthold 2011; Henkel & Sieghardt 2011; Dorenkamp et al. 2012), auf anderen Ebenen jedoch Ansätze zur Institutionalisierung internetvermittelter kooperativer Normsetzung empirisch beobachtbar sind. Ein Beispiel hierfür ist die Universität Münster, wo alle Universitätsmitglieder über moderierte Intranetforen an der strategischen Entwicklung der Universität partizipieren können. Eine ähnliche Idee verfolgt das Land Baden-Württemberg, das (universitätsbezogene) Gesetzesvorhaben online zur Diskussion stellt. Die Erforschung von Universitäten kann auf zentrale Stränge der organisationstheoretischen Literatur zurückgreifen, die sich (traditionell) mit Entscheidungsfindung und Normsetzung in Universitäten befasst hat (Cohen et al. 1972; Weick 1976; Zhou 1993), und diese für die Erforschung internetvermittelter kooperativer Normsetzung auch in Unternehmen (Märker et al. 2007) nutzbar machen.

Die Fragestellungen dieses Teilprojekts werden anhand zweier Untersuchungsgegenstände auf unterschiedlichen organisationstheoretischen Grundlagen basierend bearbeitet: Erstens werden organisationale Partizipationsprozesse untersucht. Dabei werden Erlasse von Ordnungen in Universitäten (Engels 2004; Pasternack 2006; Friedrichsmeier 2011) oder rechtlich geregelte Mitbestimmungsprozesse in Unternehmen, z.B. bei personalwirtschaftlichen Entscheidungen (Scherm & Süß 2010), analysiert, die alle Universitäts- bzw. Unternehmensmitglieder – zunehmend internetvermittelt – einbinden und einen klassischen Fall kooperativer Normsetzung darstellen. Eine organisationstheoretische Grundlage ist hier in Anknüpfung an traditionelle Forschung zu Universitäten in der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungsprozessforschung, speziell im Gar­bage-Can-Modell (Cohen et al. 1972), gegeben. Zweitens werden zur Untersuchung kooperativer Normsetzung in Unternehmen Institutionalisierungsprozesse am Beispiel von Managementkonzepten (Süß 2009) untersucht, wobei es sich um die (kooperative) Etablierung organisationaler Praktiken handelt. Dies stellt vor dem Hintergrund des Vergleichs zwischen Universitäten und Unternehmen einen interessanten Untersuchungsgegenstand dar, da Verwaltungen und Universitäten zunehmend betriebswirtschaftliche Managementkonzepte adaptieren (müssen) (z.B. Jörges-Süß & Süß 2011; Sieweke et al. 2012). Die organisationstheoretische Fundierung wird hier durch eine strukturationstheoretisch-mikropolitische Perspektive erreicht (Süß 2009), die Prozesse der Normbildung im Wechselspiel zwischen mikropolitisch agierenden Akteuren und sozialer Struktur erklärt. In diesem Rahmen kann auch auf den Mikroinstitutionalismus (Zucker 1977) zurückgegriffen werden, der mit Konzepten wie „Institutional Entrepreneur“ (DiMaggio 1988) oder „Institutional Work“ (Lawrence & Suddaby 2006) die Möglichkeit bietet, das Entstehen und den Wandel von Normen zu erklären. Die organisationstheoretische Analyse beider Gegenstände bildet das jeweilige Fundament zur Bearbeitung der Problemstellungen Adaption, Kooperation, Aggregation und Folgen im Rahmen kooperativer Normsetzung. Um die Untersuchungsgegenstände angemessen empirisch zu analysieren, wird eine vergleichende Case-Study zwischen Universitäten und Unternehmen durchgeführt (Eisenhardt 1989). Innerhalb der Erforschung dieser Fälle wird jeweils ein Mixed-Methods-Ansatz verfolgt (Creswell 2003), der gleichermaßen qualitative und quantitative Forschungsmethoden beinhaltet. Der Feldzugang besteht über Kontakte der Forschergruppe.

Um die beschriebenen Fragestellungen umfassend zu beantworten, wird das Teilprojekt die Einführung internetvermittelter kooperativer Normsetzung in den Einsatzbereichen Universitäten und Unternehmen leiten. Die Einführung wird unter Verwendung des im Gesamtprojekt entwickelten Baukastens in enger Zusammenarbeit mit den problemspezifischen Teilprojekten durchgeführt. Während im Vergleich zum Teilprojekt Parlamente Unterschiede zu einem weiteren Organisationstyp analysiert werden, sind Kooperationen mit den anderen Teilprojekten nötig, um internetvermittelte kooperative Normsetzung am Beispiel von Universitäten und Unternehmen auf der individuellen, organisationalen und gesellschaftlichen Ebene integrativ und umfassend zu erforschen. Auf dieser Basis soll die Gestaltung eines Systems internetvermittelter kooperativer Normsetzung in Unternehmen bzw. Universitäten erfolgen.